Aktuelle Berichte
über Ludwig Feuerbach
und Aktivitäten
der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft







Tagesseminar der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft Nürnberg am 24.10.2015 in Nürnberg

Auch in diesem Jahr waren Mitglieder und Gäste der Einladung zum achten Tagesseminar der Gesellschaft in Nürnberg gefolgt, auf das auch die Nürnberger Nachrichten mit einem ausführlichen Vorbericht hingewiesen hatten, und füllten den Kleinen Saal des Nachbarschaftshauses Gostenhof bis auf den letzten Platz, um sich in diversen Referaten und Diskussionen Leben und Werk Ludwig Feuerbachs zu widmen.

Nach der Begrüßung der Teilnehmer durch den Tagungsleiter Dr. Frank Schulze, den 2. Vorsitzenden der LFG, übernahm Helmut Fink den Auftakt der Vorträge, der sich in seinem Thema "Feuerbachs Widerhall – Zur theologischen Inanspruchnahme eines großen Religionskritikers" der Frage widmete, wie in heutiger Zeit auf religiöser bzw. kirchlicher Seite die religionskritischen Gedanken des Philosophen aufgenommen und "verarbeitet" werden. Als Beispiele wurden dazu insbesondere herangezogen das in der evangelischen Religionslehre Verwendung findende Buch von Manfred Keßler ("Der Mensch zwischen Gott und Welt, Ev. Religionslehre 1") sowie das Buch von Hans Küng ("Existiert Gott? Antwort auf die Gottesfrage der Neuzeit"). Der Referent attestierte beiden Autoren eine durchaus faire und meist zutreffende Darstellung der Feuerbachschen Religionskritik, insbesondere auch seiner psychologischen Rückführung der Gottesvorstellungen auf menschliche Wünsche; andererseits werde dessen Kritik natürlich nicht wirklich angenommen, sondern zunächst ins Existentielle verlagert, für welches dann die Vernunft nicht mehr zuständig sein soll, sondern der Glaube. Kommt letzterer dann in logische Nöte wie etwa in der Theodizeefrage, werde ausgewichen und sogleich auf andere Felder übergegangen bzw. Feuerbachs Bejahung des Menschen z.B. von Karl Barth als "Plattheit" denunziert. Eine Art "positiver Verarbeitung" der Religionskritik Feuerbachs findet nach dem Urteil des Referenten jedenfalls insoweit statt, als diese quasi als "Fehler-Spiegel" Verwendung finde, mit welchem sich "verzerrte Gottesbilder" enthüllen ließen – insgesamt werde jedoch die Auffassung Feuerbachs seitens der Theologen als unbegründet zurückgewiesen. Ein Argument für diese Ablehnung findet sich schon bei E. v. Hartmann, der darauf hinwies, dass aus der Rückführung Gottes auf menschliches Wunschdenken logisch ja noch nicht die Nichtexistenz Gottes folge; weiter wird behauptet, die Anthropologie könne nicht alle Aspekte der Gottesvorstellungen erklären, und das "homo homini deus" Feuerbachs sei eine unangemessene Selbstvergottung des Menschen. Angesichts des "logischen Patts" im Hinblick auf die Frage nach der Existenz Gottes erkennt Helmut Gollwitzer schließlich Feuerbachs Auffassung lediglich einen "thetischen" Status zu. Für den Referenten erweist sich die psychologische Erklärung der Religion durch Feuerbach als wesentlich plausibler als das ("geoffenbarte") Gottesbild der Religion(en), insbesondere auch deshalb, da alle seine religiösen "Verarbeiter" die philosophische Grundauffassung Feuerbachs, die sich ja nicht in der Religionskritik erschöpft, jeweils für die eigenen Zwecke verkürzten.



Helmut Fink - Jürgen Pommerenig - Dr. Alfred Kröner - Matthias C. Friedel - Ulrike Ackermann-Hajek - Helmut Walther

Nach einem zum Vorhergehenden passenden Kurzreferat mit dem Thema "Dietrich Bonhoeffer und seine Beziehung zu L. Feuerbach" von Jürgen Pommerenig unternahm es Dr. Alfred Kröner, unter dem Titel: "Feuerbach hat einen Brand in die Theologie geworfen", "das Verhältnis Feuerbachs zur Theologie aus seinen wesentlichen Schriften" darzustellen. Dazu ging er zunächst kurz auf die geistige Entwicklung Feuerbachs ein, der in seiner Jugend "Religion als Beruf und Ziel" ansah, aber über Heidelberg und Berlin (Hegel) sich ganz der Philosophie zuwandte. Einen nicht geringen Einfluss übte insoweit sicherlich die damalige sich gegen die Aufklärung wendende Auffassung von Theologie aus, die in der Restaurationszeit nach 1815 im Bund von "Thron und Altar" zu einer dogmatischen Orthodoxie bzw. Pietismus führte. Zwar gebe sich die moderne Theologie in Doxologie, Homologie, Exegese und Apologie einen gelehrsamen Anstrich, doch kann das "Hören auf das Wort der Offenbarung" (K. Rahner) wirklich als wissenschaftlich bezeichnet werden? Für Feuerbach steht jedenfalls seit 1830 ("Gedanken über Tod und Unsterblichkeit") und seinem "Pierre Bayle" (1838) fest, das die theologische Gelehrsamkeit nur ein "übertünchtes Grab" sei, da sie mit der vorausgesetzten Glaubenswahrheit den Zweifel ausschließe und somit unwissenschaftlich sei; Wissenschaftlichkeit hingegen erfordere einen "universellen Geist, unbeschränkt von der Religion". Und bereits zu dieser Zeit macht er darauf aufmerksam, dass mit dem Wunderglauben Vorstellungen zu Fakten gemacht würden. Auf diesem Weg fortschreitend veröffentlicht er 1841 sein Hauptwerk, "Das Wesen des Christentums", dessen Erscheinen von einem Rezensenten mit dem Titel-Zitat begrüßt wurde; darin bezeichnet er einerseits die hergebrachte Theologie als "psychische Pathologie", deren wahres Wesen nur in der Anthropologie gefunden werden könne: Religion sei "der Traum des menschlichen Geistes" bzw. "Schein der Imagination". In seiner Schrift von 1851 zum "Wesen der Religion" beschreibt Feuerbach sein Anliegen, "das dunkle Wesen der Religion mit der Fackel der Vernunft zu beleuchten", mit dem Ergebnis, dass Theologie in Wirklichkeit Anthropologie sei, in der sich das Wesen des Menschen selbst vergöttere. Nach dem Urteil des Referenten könne man mithin Theologie keinesfalls als Wissenschaft bezeichnen, da sie immer unter dem Offenbarungsvorbehalt stehe, der ein freies Denken nicht zulasse. Angesichts dessen und im Hinblick auf das Neutralitätsgebot des Grundgesetzes in Religionsdingen findet er es mehr als verwunderlich, dass der deutsche Staat dennoch bis heute 19 theologische Fakultäten zu Lasten aller Steuerzahler finanziere, neben welchen noch weitere vier kirchliche und fünf Ordenshochschulen existierten.



Nach einer Mittagspause in der Cafeteria des NHG ging es frisch gestärkt an die zweite Runde der Vorträge, die von Matthias Christian Friedel mit dem Thema "'Satan ist tot.' Der Adiabolismus Ludwig Feuerbachs bis heute" eröffnet wurde, mit dem er sein Referat vom Vorjahr (s. den Bericht über das Tagesseminar 2014) über diese 'a-diabolistische' Parallelbewegung zum A-Theismus geschichtlich vertiefte. Nachdem nochmals kurz der "lückenhafte Adiabolismus Ludwig Feuerbachs" (s. 2014) beschrieben wurde, und der Klärung der Frage, ob ein Atheist stets zugleich Adiabolist sei (Thomasius: nein! Auf Feuerbach aber zutreffend wie ebenso heute auf Georges Minois), erörterte der Referent die Bezüge des Philosophen zu 'adiabolistischen Vorläufern'. Zunächst diejenigen, die Feuerbach selbst in seinen Schriften nennt: Johannes Wier (16. Jh., der sich auch gegen die Hexenverfolgung wandte), Balthasar Bekker (17. Jh., "Die Bezauberte Welt"; Zitat Feuerbachs: "Wie man jetzt den Atheismus als Feuerbachianismus, so signalisierte man einst den Adiabolismus als Bekkeriansismus."); sodann wurde auf diejenigen Adiabolisten eingegangen, die Feuerbach in anderen Bezügen nennt: Agrippa von Nettesheim, Christian Thomasius, Georg Friedrich Meier und Friedrich Schleiermacher, und zuletzt diejenigen Adiabolisten, die bei Feuerbach nicht genannt werden, zu denen u.a. Johann Salomo Semler zählt – eine Lichtgestalt im sogenannten Teufelsstreit, ausgetragen zwischen Aufklärung und christlicher Orthodoxie. Denker, die in Feuerbachscher Manier den anthropologischen Adiabolismus zwar streiften, ihn jedoch genausowenig wie der Autor des "Wesens des Christentums" begründeten, waren Pietro Pomponazzi, Fjodor Dostojewski, Gustav Roskoff, Arturo Graf und Kurt Flasch. Insbesondere mit letzterem ging der Referent auf die heutige Situation und "bröckelnde Relevanz" des Adiabolismus ein - ablesbar an der Tatsache, dass unter Papst Franziskus immer mehr Exorzisten ausgebildet werden. So sei zwar "Feuer-bach nicht der Feuersee des Teufels", aber in Analogie zu Nietzsche lasse sich sagen: "Satan ist tot! Satan bleibt tot! Und wir haben ihn beerbt!"

Nach einer Kaffeepause befasste sich Ulrike Ackermann-Hajek mit "Ludwig Feuerbach in seinen engsten familiären Beziehungen zu Ehefrau und Tochter". 1833 hatte Feuerbach seine spätere Ehefrau Bertha Löw kennen- und lieben gelernt und zog nach Aufgabe seiner Dozentur in Erlangen 1836 zu ihr in die Porzellanfabrik im Bruckberger Schloss, wo die Eheschließung am 12.11.1837 stattfand. Ließ sich zunächst alles bestens an – 1839 wird die Tochter Leonore geboren, 1841 stellt sich mit dem "Wesen des Christentums" der literarische Erfolg ein, 1842 kommt die Tochter Mathilde zur Welt -, so trübt der Tod der letzteren 1844 und sodann die Affäre Feuerbachs mit Johanna Kapp das Eheglück. Doch man blieb zusammen und Bertha der feste Pol, der Feuerbach den Rückhalt für seine Schriftstellerexistenz gab. Dessen war sich letzterer auch durchaus bewusst, und so übereignete er ihr zu ihrer Absicherung seine gesamte Literatur. Nach dem Konkurs der Porzellanfabrik siedelte die Familie auf den Rechenberg bei Nürnberg über. Nach dem Tod ihres Mannes am 13. September 1872 zog Bertha mit "Lorchen" nach Nürnberg und 1880 schließlich nach Aibling, wo sie 1883 verstarb. Leonore, zu diesem Zeitpunkt bereits 43 Jahre alt, hatte es trotz zweier Anläufe zu keiner Eheschließung gebracht. War sie doch "die Tochter nicht nur meines Leibes, sondern auch Geistes", so der Vater über ihr vertrautes Verhältnis, und so sehr in dessen Gedankenwelt eingewoben, dass sie nicht nur für diesen in den letzten Jahren die Korrespondenz übernahm, sondern auch nach seinem Tod eine Auswahl von Aphorismen zu wichtigen philosophischen Aspekten aus seinem Werk herausgab, um dieses auch in weiteren Kreisen zur Wirkung zu bringen (neu herausgegeben als Schriftenreihe Nr. 1 der LFG). Nach dem Tod der Mutter blieb sie in Aibling und hütete den Nachlass des Vaters, aus dem sie aus wirtschaftlicher Not allerdings auch immer wieder zu Verkäufen genötigt war. 1919 übergab sie den restlichen Nachlass an die Universitätsbibliothek München, ganz verarmt wurde sie 1922 zum Pflegefall, betreut von Julie Feuerbach, der Witwe eines ihrer Cousins, und verstarb schließlich 1923; am 23. September wurde sie in der Feuerbachschen Grabstätte beigesetzt.

Nach diesem Blick auf die beiden wichtigsten Bezugspersonen Ludwig Feuerbachs berichtete Helmut Walther über die bislang nicht veröffentlichten Bände 15, 16 und 22 der von Werner Schuffenhauer herausgegebenen und im Akademie-Verlag Berlin erschienenen Gesammelten Werke Ludwig Feuerbachs sowie über die Vorgeschichte und weitere Entwicklung. Zeichnete sich doch schon bei der 200-Jahr Feier zu Feuerbachs Geburtstag im Jahr 2004 in Berlin ab, dass es aus finanziellen Gründen mit der Fertigstellung der Gesamtausgabe Probleme geben würde (Näheres zu dieser Veranstaltung auf dieser Homepage im Pressearchiv 2004/2005 und Folgeseite. So kam es zwecks Finanzierung der Fertigstellung zu einem Spendenaufruf durch die LFG Nürnberg (s. die Veranstaltung der LFG vom 28.7.2006 , der zusammen mit einer Sachbeteiligung der Brandenburger Akademie der Wissenschaften das notwendige Privatkapital aufbrachte, um die benötigten öffentlichen Fördergelder zu erhalten. So konnte in den Jahren 2006/2007 an den drei Bänden weiter gearbeitet werden, allerdings ergab ein anschließend von der BBAW beauftragtes Gutachten, dass die Druckreife noch nicht erreicht sei. Zwar war Werner Schuffenhauer bis zu seinem Tod im Jahr 2012 immer bemüht, den Druck der drei fehlenden Bände voranzutreiben, aber gesundheitliche Beeinträchtigungen machten dies zuletzt zunichte. Für diesen Fall war mit ihm abgesprochen, dass sich die LFG zur Sicherung des erarbeiteten Materials dieser Bände bemühen sollte, mit Genehmigung der Rechteinhaber eine Internetpublikation anzustreben, die nunmehr in Angriff genommen werden soll.

Unter dem Beifall der Teilnehmer, die sich von den unterschiedlichen Themen sehr angetan zeigten, schloss Dr. Schulze pünktlich um 17 Uhr die Veranstaltung.

Bericht und Fotos: Helmut Walther




Veranstaltung zum 211. Geburtstag Ludwig Feuerbachs am 28.07.2015
auf dem Johannisfriedhof Nürnberg

Zum 211. Geburtstag von Ludwig Feuerbach trafen sich wieder einige Mitglieder und Freunde der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft auf dem Johannis-Friedhof in Nürnberg, um an den Philosophen und sein Werk zu erinnern.

Dr. Kröner zitierte zwei wichtige Stellen aus dem Werk Ludwig Feuerbachs, die wir hier wiedergeben wollen.

Das erste Zitat stammt aus Bd. 1, S. 189 der Gesammelten Werke Ludwig Feuerbachs, hg. von Werner Schuffenhauer:
"Wer von mir nichts weiter sagt und weiß als: Ich bin Atheist, der sagt und weiß soviel von mir als wie nichts. Die Frage, ob ein Gott ist oder nicht ist, der Gegensatz von Theismus und Atheismus, gehört dem achtzehnten und siebenzehnten, aber nicht mehr dem neunzehnten Jahrhundert an. Ich negiere Gott, das heißt bei mir: Ich negiere die Negation des Menschen, ich setze an die Stelle der illusorischen, phantastischen, himmlischen Position des Menschen, welche im wirklichen Leben notwendig zur Negation des Menschen wird, die sinnliche, wirkliche, folglich notwendig auch politische und soziale Position des Menschen. Die Frage nach dem Sein oder Nichtsein Gottes ist eben bei mir nur die Frage nach dem Sein oder Nichtsein des Menschen."

Das zweite Zitat ist Bd. 10, S. 139 dieser Ausgabe entnommen:
"Ja, was du nicht sinnlich bist, das bist du auch nicht. Besondere Gedanken, Absichten, Gesinnungen, Affekte kann man verstecken, zurückhalten, aber nicht sein Wesen. Dein Wesen fällt ohne, ja, wider dein Wissen und Willen in die Sinne. Eine Tugend, eine Freiheit, die nicht den Sinnen wohltut, sich nicht schon äußerlich im Gang, in der Haltung, in der Gebärde, im Blick, kurz, im ganzen sinnlichen Wesen des Menschen ausspricht, ist auch nur eine verschrobene oder, erheuchelte oder eingebildete Tugend und Freiheit. Sinnlichkeit ist Wirklichkeit. Im Innern entspringen und wachsen wohl die Früchte des Lebens, aber reif sind sie erst, wenn sie in die Sinne fallen. Das Wesen, das kein Gegenstand der Sinne, ist das Kind im Mutterleibe; erst das sinnfällige, sichtbare Wesen ist das vollendete Wesen. Sinnlichkeit ist Vollkommenheit."

Aus dem Besitz der letzten Nachkommen von PJA Ritter von Feuerbach, der Familie K. und P. Feuerbach (Lindau), konnte Dr. Kröner eine Kopie des Grabbriefes vom 13. September 1872 vorzeigen, mit dem der Familie Feuerbachs die Grabstelle K 75 auf dem Johannisfriedhof für 100 Jahre übertragen wurde.


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Bericht und Fotos: Helmut Walther




Tagesseminar der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft Nürnberg am 25.10.2014 in Nürnberg

Bereits zum siebten Mal trafen sich die Mitglieder der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft Nürnberg und Gäste zu ihrem jährlichen Seminar mit Themen rund um Ludwig Feuerbach. Aus ganz Deutschland und Österreich reisten Referenten und Teilnehmer an, um sich im Seminarraum des Nachbarschaftshauses Gostenhof mit Aspekten des Lebens und Werks des Philosophen und seinem Umfeld zu befassen.



Dr. Frank Schulze                 Dr. Dr. Joachim Kahl                         MinDirig. Dieter Hanz                     Matthias Christian Friedel                         Silviana Stubig         Prof. Dr. Peter Dinzelbacher


Den vormittäglichen Auftakt bildete das Referat von Dr. Dr. Joachim Kahl (Marburg), der sich in Fortsetzung des bis zu Pierre Bayle reichenden philosophiegeschichtlichen Feuerbachschen Werks den französischen Moralisten zuwandte. Bereits in der Definition dieser „Moralistik“ zeigten sich Schnittmengen zu Ludwig Feuerbach; wurden doch deren Forderungen einerseits als kluges Sozialverhalten und verfeinerte Lebensart sowie andererseits als Akzeptanz des Egoismus („der wahren Triebkraft aller Handlungen“) und Selbstkultivierung des Individuums charakterisiert. Der Vortrag konzentrierte sich dabei auf drei wichtige Vertreter: La Rochefoucauld (1613-1680), Montesquieu (1689-1755) und Chamfort (1740-1794), die mit ihren Essays bzw. Aphorismen („Maximen und Reflexionen“) der Gesellschaft des Ancien Régime nicht nur den Spiegel vorhielten, sondern mit ihrer „Entlarvungspsychologie“ vor allem hinter diesen blicken wollten: Denn hehre Worte und schöner Schein verbergen allzuoft ganz andere Motive – vor allem die Eigenliebe kennt ein reiches Arsenal an Verkleidungen, und die höfischen Konventionen der Zeit sind überholt und hohl. Doch die Forderungen der Moralisten nach dem „honnête homme“ (La Rochefoucauld), nach der Begrenzung des Eigennutzes (Montesquieu – mündend in dessen epochale Idee der Gewaltenteilung) und einer Vermittlung zwischen den scharfen Klassenunterschieden (Chamfort) verhallten wirkungslos, und so brach in der französischen Revolution dieser Widerspruch gewaltsam auf. In Deutschland wurde die Moralistik dann nahtlos von Lichtenberg, Schopenhauer und Nietzsche fortgesetzt; und auch Ludwig Feuerbach bediente sich in seiner Religionskritik deren psychologischer Methode, indem er hinter dem selbstentfremdeten Gottesbild die Wünsche und das überhöhte Ich des Menschen entdeckt – und genau wie die Moralisten den „soziablen Egoismus“ zur Grundlage seiner Moralphilosophie macht.

Ministerialdirigent Dieter Hanz (Bonn) wandte sich mit seinem Vortrag unter dem Titel „Die strafrechtlichen Errungenschaften Paul Johann Anselm Ritter von Feuerbachs“ (1775-1833), dem Vater und Begründer der „Feuerbach-Dynastie“, zu, aus der so viel begabte Nachkommen hervorgehen sollten. Nach einem Philosophiestudium, in der er sich der Philosophie Immanuel Kants anschloss, wechselte er zur Jurisprudenz und begann früh zu veröffentlichen: Bereits als 26-Jähriger veröffentlichte er 1801 sein „Lehrbuch des gemeinen in Deutschland geltenden Peinlichen Rechts“ mit seinen berühmt gewordenen Formeln „nulla poena sine lege“ bzw. „nulla poena sine crimine“, die im deutschen Grundgesetz (Art. 103 Abs. 2) ebenso Beachtung fanden wie im europäischen Recht (Art. 7 EUG) und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. In Abkehr vom vorhergehenden Irrationalismus fordert Feuerbach eine strenge Trennung von Recht und Moral, Ziel des Strafrechts ist nach ihm weder Vergeltung noch (religiöse) Sühne, sondern allein die Abschreckung. In seinen Betrachtungen „Über Öffentlichkeit und Mündlichkeit der gerichtlichen Verhandlungen“ (1821) stellt er diesen bis heute gültigen Grundsatz auf, um jede heimliche Justiz zu verhindern. Bei aller Kritik, die an den Errungenschaften Feuerbachs geübt werden kann und muss: etwa unangemessene Tatbestände, das Fehlen der Kriterien „Schwere der Schuld“ und „Zurechenbarkeit“, große Härte in der Strafzumessung bis hin zur Beibehaltung der Todesstrafe, überwiegen bei weitem seine vorausweisenden Errungenschaften, zu denen neben den bereits genannten Grundsätzen vor allem auch die Abschaffung der Folter in Bayern (1806) und die Aufhebung der Strafbarkeit von Homosexualität und Gotteslästerung zählen (hingegen trat sein bayer. Vorläufer Kreittmayr in seinem Strafgesetzbuch von 1751 für „Glaubensabfall“ noch die Todesstrafe festgestzt hatte).

Nach dem Mittagessen in der Cafeteria des NHG stand ein Referat mit spektakulärem Titel „Das Unwesen des Christentums. Der Teufel aus Sicht der Feuerbachschen Philosophie“ an, in welchem der Referent Matthias Christian Friedel (Freiburg) zunächst den auch in der Literatur selten verwendeten Begriff des „Adiabolismus“ erläuterte – am einfachsten zu erklären als Parallele zum Begriff „Atheismus“: Wie letzterer Begriff die Verneinung des Gottesglaubens ausdrückt, ebenso ersterer die Verneinung eines Glaubens an den Teufel. Feuerbach selbst behandelt das Thema „Teufel“ nicht explizit und systematisch, aber an diversen Stellen seines Werks, so insbesondere in seiner Theogonie, kommt sein Adiabolismus zum Ausdruck, dem er sein positives Menschenbild gegenüberstellt: Sodass sein „ausgeprägter philanthropischer Standpunkt ihn daran hinderte, das Teuflische genauer in den Blick zu nehmen und ein homo homini diabolus zu formulieren.“ Als Ursachen für den Glauben an den Teufel wurden vom Referenten herausgearbeitet: Furcht, Verteufelung, Verwünschung, Abwälzung von Schuld, Hass und Beschränktheit, Selbsthass, und natürlich vor allem der Teufel als Gegenspieler Gottes, der so das Theodizeeproblem lösen soll. Zurecht wurde festgestellt: „Die Teufelsgestalt ist somit Wunsch-Dienstleister wie alle anderen Götter bei Feuerbach auch.“ Und auch der Projektionsgedanke findet auf den Teufel wie auf die Götter Anwendung, wie Feuerbach in seinem Wesen des Christtentums schreibt: „[D]er Teufel, der Urheber alles Bösen und Übeln, ist eigentlich nichts als der böse Gott, der Zorn Gottes, personifiziert, vorgestellt als ein besonderes Wesen.“

Nachdem die Teilnehmer der Einladung der LFG zu Kaffee und Kuchen gefolgt waren, konnten sie an Leib und Seele gestärkt mit dem Vortrag von Silivana Stubig (Rheinbach) einen bild- und filmgestützten Spaziergang in Bad Goisern verfolgen, jenem Ort, an welchen Konrad Deubler (1814-1884) seinen Freund Ludwig Feuerbach 1867 zu Erholungsferien nach seinem ersten leichten Schlaganfall eingeladen hatte. Dieser Besuch wurde nach den Worten von Robert Rauscher (Konrad Deubler. Der Bauer als Philosoph, Wien 2014) „zum strahlenden Höhepunkt“ von Deublers Lebens. Am 20.-22. Juni 2014 wurde dort der 200. Geburtstag des „Bauernphilosophen“ begangen. Die LFG vertrat bei diesem „Welterbefest 2014“ unser Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Stubig mit einem Grußwort. Mit Fotos vom anschließenden „philosophischen Spaziergang“ unterlegt berichtete die Referentin über die einzelnen Stationen, an die sich Ludwig Feuerbach in einem Brief an seinen Duzfreund Deubler im Herbst 1867 mit großer Freude erinnerte. Gezeigt wurden neben dem Wohnhaus und der Gaststätte Deublers auch die „Feuerbach-Villa“, die Deubler an der Stelle errichtet hatte, an der sich der Philosoph so sehr des Blicks in die alpenländische Natur erfreute. Auch wurde das erneuerte Deubler-Denkmal gezeigt, das zugleich an die verschiedenen für Deubler bedeutsamen und von ihm kontaktierten Denker mit originellen Trittsteinen erinnert, natürlich an Ludwig Feuerbach, aber auch D.F. Strauss, E. Haeckl, von Carneri u.a. Im Heimatmuseum des Ortes werden in einem eigenen Raum neben der Bibliothek Deublers weitere viele Erinnerungsstücke gezeigt, darunter einige auch Ludwig Feuerbach betreffende, so die von Schreitmüller gefertigte Büste und eine Original-Fotografie des Philosophen. Und was es in Bad Goisern für Konrad Deubler schon gibt, so regte die Referentin an, könnte ja vielleicht auch einmal in Nürnberg für Ludwig Feuerbach eingerichtet werden: Geocache (eine GPS-gestützte Art Schnitzeljagd), um auf die Wirkungs- und Denkmalstätten des Philosophen in Nürnberg hinzuweisen.


Feuerbach-Gedenkstein                                     Deubler-Denkmal                                             Feuerbach-Büste                               Feuerbach-Villa


Den Schlussakkord setzte anschließend Prof. Dr. Peter Dinzelbacher (Salzburg) mit einem groß angelegten Überblick über „Die Widerlegung der Unsterblichkeitsphantasien durch Feuerbach und die kritische Tradition“. Ausgehend von Kant, bei dem die Unsterblichkeit eine Voraussetzung für dessen Sittengesetz ist, sowie dem von Rousseau formulierten „Wunsch nach Untersterblickeit“ wurde darauf hingewiesen, dass bereits antike Autoren wie Epikur und Lukrez gegen solche Wunschbilder argumentiert hatten. Ludwig Feuerbach nahm dies vor allem in seiner ersten (zunächst anonym erschienenen) Publikation „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“ (1830) auf mit der Frage: „Wozu dieses Leben, wenn es noch ein anderes gibt?“ Weder gebe es einen Übergang von der Zeit ins Ewige, noch entspreche die Forderung nach Unsterblichkeit einfachster Logik: Wenn diese nicht vor dem Lebensbeginn bestehe, warum dann nach dessen Ende? Vielmehr sei diese Forderung vor allem verhaltenspsychologisch zu erklären, nämlich als eine Wirkung des Selbsterhaltungstriebes auf der Ebene der Reflexion. Feuerbachs Aufruf daher: „Nicht den Tod schafft ab, sondern die Übel!“ – wie schon Epikur bis hin zu Marx findet er den Lebenssinn in einer erfüllten Diesseitsexistenz und im Fortschritt zu einem besseren Leben in dieser Welt.
Den zweiten Teil des Referats bildete ein geschichtlicher Überblick über die Zurückweisung der Unsterblichkeitsphantasien im Judentum, bei den Vorsokratikern bis hin zu Demokrit/Epikur, Lukrez, Cicero, Plinius d.Ä., der solche Vorstellungen als „puerilium delenimentorum... commenta" (Erfindungen kindischer Linderungsmittel) bezeichnete. Nicht zuletzt künden bereits Grabinschriften in Griechenland und Rom von einer solchen Einstellung. Pietro Pomponazzi (1462-1525) fand in der Renaissance trotz Schwierigkeiten mit der Kurie den Mut, den Unsterblichkeitsglauben zu verwerfen, wohingegen sich deutsche „Klassiker“ wie Wieland (aus Trostgründen) und Fichte (aus metaphysischer Selbstüberhöhung der Vernunft) sich von diesem nicht verabschieden wollten. In die gleiche Richtung zielte ausgerechnet der Massenschlächter Robespierre in der französischen Revolution, das „vernünftige höchste Wesen“ nicht nur verehrt werden musste, sondern auch der Unstgerblichkeit der Seele bedurfte.
Zur heutigen Sicht der Dinge hat Ludwig Feuerbach mit seiner Religionspsychologie und dem Projektionsgedanken einen wesentlichen Beitrag geleistet, die dann von Freud weiter ausgearbeitet wurde – Nahtoderfahrungen und „Totenerscheinungen“ werden nicht als Zeichen für eine Unsterblichkeit der Seele gelesen, sondern mit psychiatrischen bzw. naturwissenschaftlichen Methoden angegangen. Zuletzt gedachte der Referent des Schiller-Gedichts Resignation (1786), welcher der Dichter wie folgt Ausdruck gibt (Schluss):

Zwei Blumen blühen für den weisen Finder,
sie heißen Hofnung und Genuß.
„Wer dieser Blumen Eine brach, begehre
die andre Schwester nicht.
Genieße wer nicht glauben kann. Die Lehre
ist ewig wie die Welt. Wer glauben kann, entbehre.
Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.
Du hast gehofft, dein Lohn ist abgetragen,
dein Glaube war dein zugewognes Glück.
Du konntest deine Weisen fragen,
was man von der Minute ausgeschlagen
gibt keine Ewigkeit zurück.“



Nach einer abschließenden Diskussionsrunde spendeten die knapp 30 Teilnehmer anhaltenden Beifall für die interessanten Beiträge der Referenten und eine insgesamt gelungene Veranstaltung.

Bericht und Fotos: Helmut Walther (Nürnberg)

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Letzte Aktualisierung der Seite: 30.10.2015


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