Aktuelle Berichte
über Ludwig Feuerbach
und Aktivitäten
der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft







Bericht über das Tagesseminar der LFG vom 29.10.2016

Am 29.10.2016 fand in bewährtem Rahmen im NHG das diesjährige Tagesseminar der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft statt. Es wurde ein weit gespannter Bogen von biografisch-historischen und wirkungsgeschichtlichen Themen behandelt. Der Tagungsleiter Dr. Frank Schulze begrüßte Referenten, Mitglieder und Gäste und führte in das bevorstehende Programm ein.


Die Referenten (v.l.n.r.): Dr. A. Kröner, Dr. B. Görlich und Dr. M. Jeske, Dr. H. Neuschwander, Dr. Frank Schulze, J. Pommerenig, U. Ackermann-Hajek, H. Walther

Zu Beginn stellte Dr. Alfred Kröner in seinem Referat „Ludwig Feuerbachs Zeit an der FAU in Erlangen -Glücklicher Anfang, schmerzliches Ende“ den Verlauf von Ludwig Feuerbachs Bemühungen um eine Dozentenstelle in Erlangen dar. Im Vordergrund standen einerseits die verschiedenen Aktivitäten Feuerbachs, dieses Ziel zu erreichen, andrerseits die politische Entwicklung im Königreich Bayern. Dabei wurden sehr anschaulich die sich widersprechenden Grundbedingungen herausgearbeitet: Der Studienabschluss musste an einer bayerischen Universität stattfinden, da Feuerbach ein bayerisches Stipendium bezog. Vom Wohnort her und aus Konfessionsgründen bot sich Erlangen eher an als München. Andrerseits war „Philosophie“ in Erlangen ein eher unbedeutendes Fach, wie Dr. Kröner mit aufschlussreichem Zahlenmaterial belegte. Meist wurde Philosophie nur belegt, weil es die Prüfungsordnung vorschrieb – vor allem die für Theologen, die in den Staatsdienst treten wollten, wozu auch das lutherische Pfarramt gehörte. Insgesamt hatten die Letzteren in Erlangen die Oberhand, denn dies war die Universität der altevangelischen Lande. So entwickelte sich das Scheitern des freien Geistes und Religionskritikers Ludwig Feuerbach mit einer gewissen Zwangsläufigkeit. Er konnte zwar die Doktorwürde erwerben und sich habilitieren, aber mehr als Privatdozent konnte er dort nicht werden. Sein Erstlingswerk „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“ stellte sich letztlich als unüberwindbarer Stolperstein dar.

Dr. Michael Jeske und Dr. Bernard Görlich brachten mit der Dialogform ihres Vortrags ein neues und belebendes Format in die Tagung ein. Ihr Thema „Leiblichkeit und Unbewusstes. Feuerbach und Freud im Dialog“ stellte eine Linie her von der Philosophie der Leiblichkeit mit den Vertretern Nietzsche, Schopenhauer und Feuerbach zu Freud und deren grundlegenden Erkenntnissen über den Menschen. Ausgehend von einem Freudbrief von 1875, in dem dieser Feuerbach als seinen liebsten Philosophen bezeichnete, machten sie durch den Vortrag ausgewählter Textstellen erfahrbar, wie nahe sich die beiden „großen Geister“ in ihren Ergebnissen sind. Im Ausgeliefertsein an die körperlichen Grundvoraussetzungen, in der grundsätzlichen Auffassung des Menschen als leibliches Wesen und im Hinblick auf die Probleme mit der spekulativen Philosophie stimmen sie schon in ihren Voraussetzungen überein. Die Bewertung des Bewusstseins als nur eine Komponente des Menschseins, aber nicht die wesentlichste, findet sich bei Freud in der Feststellung, dass Seelisches nicht mit Bewusstsein zusammenfalle. Feuerbach wiederum hat beschrieben, dass der Mensch weder Anfang noch Ende in seiner Gewalt habe und im Schlaf, bei Krankheit und bei der Liebe immer wieder Phasen der Bewusstlosigkeit erlebe. Auch bei der Problematik der Subjektwerdung des Menschen finden beide frappierend ähnliche Ansätze und kommen bei ihrer Beschreibung der Bedeutung der Triebe und der Liebe zu sehr übereinstimmenden Ergebnissen. Den äußerst wichtigen Bezug zum Du für die Ichwerdung stellten beide heraus – in ihrer jeweiligen Sprache und Zeit. Freud bezeichnete dabei die Stellung der Psychoanalyse als eine Mittelstellung zwischen Medizin und Philosophie und sah seine Aufgabe darin, die Spannung zwischen Bewusstem und Unbewusstem in Worte zu fassen. Auf dem Gebiet der Philosophie hatte er in Feuerbach mit dessen Glückseligkeitslehre und Tuismus bereits einen Vordenker. Dies wurde in beeindruckender Weise deutlich bei dem als Abschluss unisono vorgetragenen Text über Liebe und Vertrauen.


Ankündigung des Seminars durch die Nürnberger Nachrichten vom 27.10.2016

Dr. Hartmut Neuschwandner zeigte in seinem systemtheoretisch geprägten Vortrag „...nicht wissend, dass aus ihr ein Schmetterling wird“ Feuerbach als Vordenker der aktuellen Naturwissenschaften, dass viele Anregungen und Erkenntnisse Feuerbachs sich in den modernen Naturwissenschaften wiederfinden. So bestätigen die Neurowissenschaften, dass das Gehirn das Zentrum aller Handlungen ist, und dass Descartes’ Forderung nach einem Denken, das ganz unabhängig von Gefühlen sei, an den menschlichen Realitäten vorbeigeht. Auch für die Aufhebung des Dualismus von Geist und Leib brachte er bestätigende Beispiele aus den Neurowissenschaften und der Psychoanalyse. Die zwei Seiten derselben Medaille, die Wissenschaft und Erleben unterscheiden, wurden ausführlich beleuchtet, gipfelnd in dem Satz „Wo der Anfang des Sehens ist, ist das Ende der Optik“. Als weitere mögliche Anknüpfungspunkte der Wissenschaft an Feuerbachs Philosophie wurden Poppers Falsifikationsforderung und vor allem der offene Austausch über Hypothesen und die Zusammenarbeit der verschiedenen Disziplinen genannt – eben mit der Grundvoraussetzung Feuerbachs: Ausgangspunkt ist die sinnliche Wahrnehmung, die Erfahrung.


An der Mittagstafel im NHG

Nach einer leibstärkenden Mittagspause an der Tafel des NHG stellte der Vortrag von Ulrike Ackermann-Hajek „Frauen um Ludwig Feuerbach“ aus dessen engsten familiären Bindungen vor, in diesem Falle am Beispiel der Mutter und der Schwestern. Zunächst wurde das ereignisreiche Leben der Wilhelmine Feuerbach, geb. Tröster, vorgestellt: Wie sie zunächst durchaus glücklich und wertgeschätzt ihrem Mann Paul Johann Anselm Feuerbach insgesamt neun Kinder gebar, mit ihm sechsmal die Stadt und die Lebensumstände wechselte, um dann mit einer „himmlischen Geliebten“ konfrontiert zu werden. Die höchst chaotischen, irdischen Folgen für die ganze Familie bildeten das zweite Kapitel. Als Ausklang war Wilhelmine ein langer, ruhiger Lebensabend mit ihren Töchtern in Nürnberg vergönnt. Die Schicksale dieser Töchter sind gleichzeitig exemplarisch für mögliche und unmögliche Existenzformen und Lebensentwürfe für Frauen im 19. Jahrhundert. Während die beiden jüngsten Töchter Eleonora und Elisa immer zusammen und – bis zu deren Tod – immer mit der Mutter lebten, und hauptsächlich in der Familie wirkten, hatte die älteste Rebekka Magdalene, genannt Helene, ein durchaus bewegtes Leben. Sie wurde verheiratet, geschieden, verliebte sich leidenschaftlich in den „Teufelsgeiger“ Paganini, reiste durch Europa, wurde von Depressionen geplagt, war zu verschiedenen Zeiten in Heilanstalten, veröffentlichte ein Buch, auch mit Kompositionen, trat zum Katholizismus über und starb verarmt. Sie konnte ihre vielfältigen Begabungen nicht in ein gelingendes Leben umsetzen, denn die gesellschaftlichen Schranken waren zu eng.

Nach der Kaffeepause stellte Jürgen Pommerenig Ludwig Feuerbach und seine literarische Beziehung zu russischen Revolutionären unter Zar Alexander II. vor. Nach einer kurzen Erläuterung des allgemeinen aufrührerischen Klimas im 19. Jahrhundert und der Vorstellung der Vorbilder der jungen russischen Akademiker, hauptsächlich Feuerbach, Haeckel, Büchner und Moleschott, wurde der ganz andere Weg Russlands in die Moderne beschrieben, nämlich als Reform von oben. Das bedeutete, dass Zar Alexander II. (1855-1881) alle Reformen, die in Europa seit Ende des 18. Jahrhunderts – weitgehend als von den Bürgern erstritten – stattgefunden hatten, nun per Edikt verordnete: Aufhebung der Leibeigenschaft, Reform von Bildung, Strafrecht, Landverteilung u.v.m. Trotzdem gingen diese Veränderungen intellektuellen kritischen Köpfen nicht weit genug. Zu ihnen gehörten Alexander Herzen und Nikolai Tschernyschewski, die eine sozialistische Gesellschaftsordnung anstrebten. Beide wurden verhaftet und für mehrere Jahre in die Verbannung geschickt. Für Herzen wurde dort Feuerbachs „Das Wesen des Christentums“ eine persönliche Befreiung. Tschernyschewski seinerseits lernte Feuerbach während seiner Studienzeit kennen und schätzte vor allem dessen anthropologisches Prinzip in der Philosophie und andere, grundsätzliche Fragestellungen der Wissenschaften bei Feuerbach. Über die Frage der revolutionären Praxis war er mit seinem Vordenker uneins. Trotzdem hatte Feuerbach also in Russland große Wirkung zu einer Zeit, als er in Deutschland nahezu totgeschwiegen wurde.


Die Teilnehmer im Seminarraum des NHG

Zum Abschluss des Seminars untersuchte Helmut Walther in seinem Referat die Bedeutung Martin Luthers für Feuerbach unter dem Titel: „Martin Luther und Ludwig Feuerbach. Die Bedeutung des Reformators für die Philosophie von ‚Luther II‘“. Als "Luther II" hatte sich einst Feuerbach selbst gegenüber Wilhelm Bolin bezeichnet. Zunächst wurde Feuerbachs Sicht auf Luther, soweit sie in Werken oder Briefen dokumentiert ist, bis 1841 dargestellt. Das Ergebnis von Feuerbachs Auseinandersetzung mit der Theologie war, dass Wissenschaft ein reines Interesse an der Sache voraussetzt, der Theologe aber immer zuerst Gott sieht und erst dann seinen Gegenstand. Feuerbachs Abkehr zunächst von der Theologie, dann auch von der Hegelschen "Spekulation" zeitigte als Ergebnis 1841 sein erstes Hauptwerk „Das Wesen des Christentums“. In ihm ist es sein Ziel, das Christentum als vom Menschen erzeugtes Phänomen nachzuweisen. Kritische Rezensionen, die ihm Ungenauigkeit und Voreingenommenheit bei der Zitatenauswahl vorwarfen, brachten Feuerbach dazu, die 23-bändige Lutherausgabe durchzuarbeiten und viele neue Belegstellen in die 2. Auflage aufzunehmen. Insgesamt kamen drei Kapitel dazu. Feuerbach weist darin u.a. nach, dass schon Luthers Gott nur vom Menschen und dessen Glauben abhängig ist („sola fide“). Aus der Christologie Luthers leitet Feuerbach einen Gott zum Anfassen, eine Vermenschlichung Gottes durch Versinnlichung ab, denn Gott ist erfahrbar nur im Glauben, nur durch den Einzelnen und nur in der sinnlichen Existenz des menschgewordenen Gottes. Daraus folgert Feuerbach, dass dann der Glaube an Gott der Gott ist. Sein Schritt: Theologie als Anthropologie. „Homo homini deus est.“ Die Fortentwicklung in Feuerbachs Denken durch die Lutherbeschäftigung ist deutlich, bis hin zur Sinnlichkeitsphilosophie und einer neuen und immanenten Versöhnung mit dem „Eigentlichen“ der Religion. Sichtbar ist diese weitere Werkentwicklung Feuerbachs auch an diversen weiteren wichtigen Schriften in den Jahren 1843-1845, darunter vor allem seine "Grundsätze der Philosophie der Zukunft" und die Schrift "Das Wesen des Glaubens im Sinne Luthers". Dabei zeigte sich immer wieder die Auflösung der Theologie in der Anthropologie und die Forderung nach einer auf Empirie und Sinnlichkeit beruhenden Wahrheit, eben Philosophie des Menschen als Philosophie für den Menschen.

Eine um zahlreiche Belegstellen erweiterte Fassung dieses Vortrags steht auf dieser Webseite mit diesem Link zur Verfügung.
Einige dieser Vorträge wie auch aus dem vorhergehenden Seminar des Jahres 2015 sollen in Bälde in einer neuen Ausgabe der Schriftenreihe der LFG erscheinen.

Bericht: Ulrike Ackermann-Hajek / Fotos: Helmut Walther




Treffen am Grab Ludwig Feuerbachs zum 212. Geburtstag am Donnerstag, 28. Juli 2016, 17.30 Uhr im Johannisfriedhof Nürnberg.

Mitglieder und Freunde der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft Nürnberg e.V. trafen sich auch dieses Jahr wieder am Grab Ludwig Feuerbachs zu einer kleinen Gedenkveranstaltung. Dr. Kröner ging in seiner Ansprache auf den Entwicklungsgang Feuerbachs über die Theologie zur Philosophie ein, wobei er ausführlich diesen selbst aus einem Brief aus dem Jahr 1846 zitieren konnte. Einen kleinen Ausschnitt aus der Ansprache (FLV-Video) sowie die entsprechenden Auszüge aus dem Feuerbach-Brief können wir Ihnen unten anbieten.
Anschließend fand in der Gaststätte an den Hesperiden-Gärten eine kurzfristig angesetzte ao. Mitgliederversammlung statt, und ein Meinungsaustausch etwa zur aktuellen Bedeutung der Feuerbachschen Religionskritik bildete einen geselligen Ausklang der Veranstaltung..

Bericht: H. Walther / Fotos: Dr. A. Kröner - H. Walther


Kurzes FLV-Video


Der LF-Brief von 1846


Einige der Teilnehmer am Grab von Ludwig Feuerbach

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Letzte Aktualisierung der Seite: 03.11.2016


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